Er gilt als der genialste Billard-Spieler der letzten 100 Jahre. Niemand beherrscht die Physik der Kugeln besser als er: Ronnie O’Sullivan löst binnen Zehntelsekunden sogar komplizierteste Gleichungen – schneller als jeder Physiker. In seiner Karriere musste der Brite immer nur einen Gegen wirklich fürchten: seine eigene Psyche …


Eine legendäre Partie

O’Sullivan ist acht, als ihn sein Vater das erste Mal zum Snooker mitnimmt. Wenig später  gewätet der Knirps jedem Erwachsenen 30 Punkte Vorsprung – und siegt dennoch mühelos. Mit 15 wird er der jüngste Juniorenweltmeister aller Zeiten. Mit 16 besiegt er einen Profi in 43 Minuten statt der üblichen acht Stunden. Es wird das schnellste Match aller Zeiten. Bei der WM 1997 wird O’Sullivan endgültig zur Legende: Alle acht Sekunden versenkter eine Kugel – bis der Tisch leer geräumt ist. Nach fünf Minuten und 20 Sekunden. Beispiellos in der Snooker-Geschichte. „Ronnie zu beobachten, ist, wie Gott bei der Arbeit zuschauen zu dürfen”, sagte sein Konkurrent Alan McManus anschließend.

100000 Spielvarianten, 5 Kilometer

Ronnie O’Sullivan fasziniert Fachleute ebenso wie Wissenschaftler. Snooker ist die anspruchsvolle Variante des Billards. Einlochen gelingt beim Poolbillard sogar Laien in Serie. Beim Snooker ist alles viel schwieriger: Der Spieltisch ist größer, die Löcher sind kleiner, die Folge, in der man Kugeln ver senken darf, unterliegt strengen Regeln.  O’Sullivan hat ca. 100000 Positionsbilder vergangener Turniere im Kopf. Er kann sie wie ein Supercomputer abrufen — so viele Spielzüge, wie sich ein Schachgenie merken kann.
„Das Gehirn ist der Boss”, sagt O’Sullivan. „Die Hände sind Angestellte des Geistes.”

Eine Gleichung mit vielen Variablen

Snooker-WM 2008 – im Finale spielen die Engländer O’Sullivan und Ali Carter um den Titel. Carter grübelt, ob er den Spielball über oder unter dem Mittelpunkt stoßen soll, hart oder weich. Er stößt – und verfehlt. „Snooker ist eine Gleichung mit vielen Variablen”, erklärt der siegreiche O’Sullivan später grinsend den Reportern. Allein die weiße Kugel bietet 200 Anspielpunkte. „Während ein Physiker manchmal tagelang Winkel berechnet, Gleichungen erstellt, setzt dieser Mann unzählige Variablen binnen Sekunden zu einer funktionierenden Gleichung zusammen. Es ist einfach unfassbar”, zeigte sich der Physiknobelpreisträger Jack Kilby beeindruckt. Doch fast wäre „The Rocket”, so sein Spitzname, vorzeitig verglüht …

Ein Genie, 2 Gesichter

Ronnies Vater, ein Pornokinobetreiber, wird im September 1992 wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Kurz darauf muss auch seine Mutter ins Gefängnis. Ein Wendepunkt in Ronnies Leben, von dem er sich nie wieder ganz erholt. Der junge Mann, gerade 19, muss sich ab sofort um seine kleine Schwester kümmern. Er ist überfordert, beginnt zu trinken, lässt das Training schleifen, prügelt sich und nimmt Drogen. In der Weltrangliste stürzt er ab. Fortan flucht er bei Spielen, spuckt auf den Boden, gähnt demonstrativ, wenn der Gegner sich Zeit beim Stoßen lässt, und zeigt Kugeln, die er nicht versenken kann, den Mittelfinger.

Ein unbezwingbarer Gegner

Trotz dauerhafter Depressionen, Angstattacken und einer erfolglosen Psychoanalyse treibt es den 37-Jährigen immer wieder an den grünen Tisch. Er übt, bis er Blasen an den Fingern bekommt. Wenn er 50 Kugeln in Folge versenken will, aber die 50. nicht in die Tasche fällt, fängt er wieder von vorn an: ”Der Süchtige in mir will immer weitermachen, bis ich mich selbst zerstört habe.” Deshalb ist sein härtester Gegner stets: Ronnie O’Sullivan.
„Ronnie ist der beste Spieler der Welt. Mit einer Meile Vorsprung”, gibt sein Erzrivale Stephan Hendry zu. Doch man munkelt, dass D’Sullivan seine Karriere beendet. Aus privaten Gründen, heißt es.

Source: Welt der Wunder Kompakt – 1/13

Watch also Ronnie O’Sullivan’s Life Story

http://www.youtube.com/watch?v=kt2b4aq-7-I